• Forelle Polnisch - Eine Reise mit mir selbst


    Mit einem miesen Roundhousekick direkt an meinen Kommandostand reißt mich mein Wecker aus dem Schlaf. Nach dem ersten Orientierungsversuch treibe ich meinen matten Körper mit halb offenen Klüsen die Treppe runter in die Küche. Wie ferngesteuert versuche ich die Kaffeemaschine zu bedienen. Es beginnt zu glucksen - erste Mission erfolgreich erfüllt. Also schleppe ich mich wieder hoch ins Bad und steige, immer noch nicht ganz zurechnungsfähig, in die Dusche. Im Ungleichschritt hunderter kleiner Zinnsoldaten rieseln mir die ersten warmen Wassertropfen auf den Nacken, als ich die Augen schließe; ich verlasse meinen Körper...

    Handy brummt. Ich lese, was ein polnischer Kumpel mir mitzuteilen versucht: „Kleines, exklusives Forum… blabla… Forentreffen… blabla… Bachforelle…“ - „Bachforelle?!“ Mein Stichwort! Jetzt genießt er meine ungeteilte Aufmerksamkeit! Ich werde unruhig. „Wo muß ich hin?!“, tippe ich hastig zurück. Nachdem die wichtigsten Details geklärt sind, vergeht kein Tag ohne endslangen Nachrichtenaustausch. Ich gehe fremd, davon habe ich meine Freundin spätestens jetzt überzeugt.

    Endlich liege ich im Bett, bereit für Stunde X. Das Auto steht gefechtsbereit vor der Tür, bis unters Dach beladen mit wertvollsten Kostbarkeiten, die ich bereits vor einer Woche mit neurochirurgischer Akribie eines McDreamy zusammengetragen habe.
    Mir geht‘s seit zwei Tagen aber so gar nicht gut - mein Kreislauf fährt Achterbahn. Ich taste nach dem Handy und nachdem ich den Wecker auf 0400 gestellt hab', tippe ich: „Alles fertig zum Aufbruch, aber wenn‘s mir morgen immer noch so scheiße geht, dann geh' ich echt zum Arzt. So leid es mir tut.“


    Sekunden später die Antwort: „Kein Problem, mach das mal ruhig. Das Treffen ist ja erst nächsten Freitag!“

    Mich trifft fast der Schlag; erster Auftritt arteria carotis.

    „Ey, verarsch' mich jetzt nicht! Ich hab' echt Probleme mitm Blutdruck. Gib Dich jetzt bitte mit diesem bisschen Spaß zufrieden, bevor Du mich gleich auf dem Gewissen hast…!“

    „Mann, jetzt ganz ohne Schmus... Ich verarsch‘ Dich nicht, das Treffen ist NÄCHSTEN Freitag! Doppelschwör!“

    Sofort wühl' ich mich durch tausende der letzten Nachrichten, dabei schmiert mir jedesmal mein Handy ab. Kurz vorm Exitus beauftrage ich meine Freundin, in Erfahrung zu bringen, auf welchen Termin ich mich mit meinem Kumpel verständigt habe. Meine Augen fokussieren, wie sie mit stoischer Gelassenheit ihren Mund öffnet und sehe in Zeitlupe große Druckbuchstaben herauspurzeln: "N Ä C H S T E R F R E I T A G !"

    Die gesamte Woche erhalte ich jeden Abend folgende Nachricht: „Nächster Freitag!“

    Dann ist es wirklich und wahrhaftig so weit. Wie in Trance treib' ich den Fabia gleich einem wilden Büffel über die leeren Prärien der A20 Richtung Stettin. Die Nadel pinn‘ ich bei 200 fest. Tatanka treibt seine Hufe voller Inbrunst in den Asphalt. Es gibt keine Zeit zu verschenken. Dann schießt eine Eilmeldung in mein Oberstübchen: „Hooow, Cowboy… Du hast doch vorhin die Scheiben kratzen müssen… Was sagt Dir das?!“ Ein Blick auf die Außentemperaturanzeige verrät, draußen herrschen ungemütliche -7°C! „Fuck!“, denk' ich, „Mach' ma‘ piano! Besser später als gar nicht ankommen!“ Ich löse den rabiaten Tritt meiner Sporen. Der Büffel beruhigt sich. Die Kilometer fliegen dahin. In mir wird es warm.

    Stettin. Ein bekanntes Gesicht grinst mich an: „Du bis' `ne Woche zu spät!“ In mir steigt der pure Haß hoch. Kurzer Handshake. Tiefsinnigkeiten sowie unnützes Gequatsche werden auf ein Minimum reduziert und auf unbestimmte Zeit vertagt. Wir laden meinen Kram in das Auto meines sogenannten Kumpels. Es liegen noch etliche Kilometer vor uns. Polnische Straßenverhältnisse bieten keinen Raum für Entspannung. Abseits der großen Stadt schweift mein Blick übers Land - Wald. Wald. Wald. Ab und an mal eine Siedlung. Wir sind nur einige Kilometer gefahren und schon überkommt mich das Gefühl, gleich klopft ein Grenzer mit dem Lauf seiner AK47 an die Scheibe und heißt mich herzlich willkommen… In Sibirien!

    „So, ich glaub' hier rechts. Jaaa, hier ist das. Wir sind da!“, tönt es von links. Ich schau' mich kurz um. „Leck' am Heck!“, kann es mir aber gerade so noch verkneifen, es auszusprechen. Mir wurde zwar gesagt, wir fahren in die unberührte Wildnis, wo sich nicht nur Fuchs und Hase beim Vornamen nennen sondern sogar Wisent, Elch, Wolf, Luchs und Uhu ein illustres Stelldichein geben aber daß hier seit Jahrhunderten keiner mehr feucht durchgewischt hat, wurde großzügig verschwiegen. Nun gut, `nen Stadtbummel über die Flaniermeile hat schließlich auch niemand gebucht.



    Unsere Unterkunft stimmt mich zumindest von außen gnädig. Ich hatte ja kurzzeitig so meine Bedenken. Unsere Wohnung… Also da kenn‘ ich aus Deutschland deutlich Schlechteres. Auch innen picobello sauber. Das Scheißhaus - da versteh‘ ich nämlich keinen Spaß; zero Kompromissbereitschaft meinerseits - ebenso rein gar nichts zu beanstanden. Alles top gepflegt und grundsolide. Nichts abgerockt. Gott sei‘s gedankt.

    Kurz die Müdigkeit abgeschüttelt, durchgeatmet und akklimatisiert. Dann Hechtsprung in die Watklamotte, Tackle gegriffen und ab geht‘er.

    Vor dem Haus treffen wir den Veranstalter dieses Treffens, quasi unseren Guide. In Fachkreisen auch Local. Kurzer Plausch und schon stapfen wir quer über den Acker. Nach gefühlten zwei Stunden wird meine „Papa Schlumpf, wie weit ist es noch…?“-Frage mit einem Augenrollen abgeschmettert. „Doch noch so weit…?! Verdammt.“ Ich dampfe. Habe mir aber fest vorgenommen, meine Klappe zu halten.

    150 km später entfährt mir dann aber doch: „Leute, ma' ohne Flachs... Gestern hab' ich Euch gefragt, wie weit es noch ist und jetzt bin ich gleich in Bialystok!“ Meine Peiniger drehen sich um. „Siehst Du da hinten die Waldkante? Ja?“ Ich nicke. „Da hinter!“ Top! Die einzig richtige Antwort. Also nicht Bialystok sondern Moskau. „Nichts anderes hast Du verdient! Halt einfach die Fresse und lauf, wenn Du angeln willst!“, hallt es in der Kathedrale unter meiner Mütze.

    Auf einmal scharf rechts. Einige Schritte durch den Wald. Ich höre Rauschen. Und dann… Nichts. Stille. Mein Atem stockt. Mein durch den Marsch in feisten Blasen siedendes Blut gefriert. Ich trau' mich nicht zu atmen. Will nicht blinzeln, um auch ja nichts zu verpassen. Ganz dumpf merke ich, wie die Rute auf dem Waldboden aufschlägt. Magie. Das säuselige Lied des Flusses holt mich dann doch wieder zurück. Ich höre Kraniche, rieche den Wald, schmecke Natur und fühle… „Aaah, das also muß diese Glückseligkeit sein.“ Mein tonnenschwerer Rucksack ist Nebensache. Daß ich mittlerweile in meiner Wathose schwimme, interessiert mich nicht. Überwältigt sacke ich auf meinen verlängerten Rücken zu Boden und genieße Gottes Schöpfung.





    Eine Bierdose zischt - Reizsignal - mich reißt‘s augenblicklich aus meinem Delirium. Wir stoßen auf gedeihliche Zusammenarbeit an. Ich vergieße noch eine Runde Whisky. Dann fliegen auch gleich die ersten Köder nach den Fischen. Ob ich jetzt eine dieser Bachforellen, Meerforellen, Äschen, Barben oder gar Lachse oder Störe fange… daran trau' ich mich gar nicht erst zu denken. Die Energie jedes Augenblicks dieses verzauberten Klimas schaufle ich in mich hinein wie ein Braunkohlebagger und versuche sie in jeder Faser, jeder Zelle meines Körpers zu speichern. So stehe ich im Wasser und bin einfach nur im Reinen mit mir und der Welt.

    Entlang des Ufers schlagen wir uns durch den Wald. Hier und da ein paar Würfe. Man kann beinahe alles gut befischen, auch wenn sichere Trickwürfe von Nöten sind, um nicht ein Vermögen in die Natur zu nageln. Alle fischträchtigen Stellen abzufischen wäre utopisch.

    Dann ein Rufen unseres Guides. In seinem Kescher zappelt eine Getupfte. Kurzes Fotoshooting, dann wird der Fisch so behutsam, wie ich es sonst nur von mir kenne, wieder in sein Element entlassen. C&R ist zwar nicht vorgeschrieben aber auf keinen Fall verboten und sogar ausdrücklich erwünscht; das nur so ganz nebenbei.



    Einige Schritte weiter rappelt es auch an der Rute meines Chauffeurs - wie erbaulich! Dieser Fisch wird ohne jegliche Berührung und ohne Foto released.
    Alle strahlen, auch wenn das keine Riesen waren (oh, ein Reim…). Wir machen weiter. Und dann knallt es auf einmal an meiner unsäglich, lächerlich unmännlichen Megabass.



    Mit dem Watstock fast erdolcht und mit dem Kescher halb erdrosselt, zaubere ich zittrig eine rotgetupfte Schönheit vor die Linse. Ich spüre, wie mir in meiner Wathose Eier aus Messing wachsen. Hart wie Stahl!





    Wir leeren den Flachmann.

    Den ganzen Weg, den wir auf der Hintour zurückgelegt haben, arbeiten wir uns angelnderweise zurück. Fisch gibt es aber keinen mehr. Trotzdem haben alle gute Laune. Müßig darüber zu sinnieren, woran das liegen könnte.

    Auf dem Weg treffen wir noch einen Teilnehmer. Er ist zusammen mit uns untergebracht und baut geile Wobbler, so wurde mir eingangs berichtet. Kurzer Schnack. Wir erfahren, daß er bislang leider erfolglos blieb. Nun also die Motivation, auch ihn an den Fisch zu bringen. Ich Egosau will, daß der Kollege, den ich nicht im Entferntesten kenn', Petri Heil hat, damit ich mich mit und für ihn freuen kann. Was passiert mit mir..?!

    Ich verharre an einem Spot, den ich für unfassbar verheißungsvoll halte und verliere meine Mitstreiter bald aus den Augen. Ich laufe am Ufer entlang, um die anderen einzuholen. Nach einer halben Stunde hab' ich immer noch niemanden erreicht. Lautstark versuche ich, mich bemerkbar zu machen. Die Bäume jedoch schlucken alles. Keine Reaktion. Ich brülle, wie ich sonst nur im Stadion nach dem Schiri pöble. Nix. Arschlochwald! Ich laufe weiter. Verliere bald das Zeitgefühl. Möchte aber behaupten, ich schlage mich brüllenderweise seit 1,5 h durch den Wald. Ich triefe. Ich setze meinen Rucksack ab und krame nach dem Handy. 1600 durch. Selbstverständlich kein Empfang. Auch wenn ich nicht mit der unseriösen Orientierungskunst einer Frau gestraft bin... aber in diesem mir unbekannten Terrain und nach dem ganzen Rumgegurke, kann ich nicht mehr abschätzen, wie weit es noch zurück zum Auto ist. Es dämmert. Mit meinem glockenhellen Nordkurvenstimmchen vergräme ich ein abschließendes Mal alles Wild im Umkreis von 10 km. Keine Regung. Also beschließe ich mich auf den direkten Weg zum Auto zu machen. Immer wieder blicke ich aufs Handydisplay. Wo ich endlich ein wenig Empfang habe, versuche ich eine SMS abzusetzen:
    „Keine Ahnung, wo ich bin. Bin fies gestürzt. Spüre meine Beine nicht. Alles voll Blut!“ Die Reaktionszeit überbrücke ich mit einer Tasse heißen Tees. Dann sehe ich mich aber doch gezwungen, dem unerträglichen Flehen des weißen Engelchens auf meiner linken Schulter nachzugeben und greife erneut zum Telefon:
    „Keine Bange, nix passiert. Mir geht‘s gut. Hab' Euch nicht gefunden. Laufe jetzt zum Auto.“ Dann klingelt es. Empfang reicht nicht für eine verständliche Kommunikation, woraufhin ich eine SMS erhalte: „Du bist besoffen! Bis zum Auto ist es noch irre weit! Vergiß es! Wo ungefähr bist Du? Ich komm' Dich holen!“ Meine Antwort: „Wenn Du kein Bier mehr hast, dann brauchst Du nicht zu kommen! Bin gleich am Auto. Seh' schon das Dorf.“
    Noch bevor ich das absenden kann, bekomm' ich wieder 'ne SMS: „PS: Heute stirbst Du!“ Ich muß laut lachen, verschick' meine Depesche und raff' mich auf.


    „Bin am Auto und warte auf Euch. Macht Euch keinen Streß. Hab' genug Klamotten, Essen und warmen Tee. Alles gut! Bis später.“

    Es klingelt: „Du bist nicht am Auto!“

    Ich: „Doch!“

    „Kann gar nicht sein! Das ist verdammt weit weg, so schnell kannst Du nicht sein!“

    „Juuunge… Wenn ich‘s Dir doch sage… Dunkelblauer XY mit dem Kennzeichen … Oder ist das jetzt nicht mehr Deiner?!“

    Stille. „Wie bist Du Esel an uns vorbeigekommen?! Is' ja auch egal… Bleib, wo Du bist! Wir machen das hier noch fertig und kommen dann auch.“

    „Macht Ihr in Ruhe. Ich leg' mich hier solange pennen. Kein Ding. Bis gleich.“

    Meine Freundin wirft mir stets vor, ich schreie wie ein Irrer und zügelt mich permanent in meiner Lautstärke. Das würde erklären, warum ich plötzlich mitten im Getümmel stehe. Mein Telefonat hat wohl die Dorfältesten aus ihren Löchern gelockt. Ein stiller Irrer mit geisteskranken Augen, ein gemütlicher, jetzt jedoch leicht aufgekratzter, untersetzter Kumpeltyp und ein strenger, wacher, wohl schon sehr alter Knochen, haben mich umzingelt. „Na, wie lief‘s? Beißen `se?! Eigentlich gibt‘s hier keine mehr. Vereinzelt kleine, wenn man Glück hat. Vor drei Jahren noch konnte man die Großen tütenweise rausholen…“. Ich warte, ob sich ihm die Weisheit jetzt offenbart, wo er es gerade ausgesprochen hat, aber… Negativ. Mach‘se nix.
    Der Blick fällt auf das Kennzeichen des Autos meines Kumpels. Auf die Frage hin, wo ich denn herkäme, überlege ich kurz und versuche in meinem besten Sonntagspolnisch zu antworten: „Aus Danzig. Bin jetzt aber zuerst nach Stettin zu einem Kumpel gefahren und dann sind wir zusammen hier her. Der ist hier öfter mal, der kennt sich hier aus.“ Ein wenig irritiert werde ich angeseh‘n, kann das aber nicht so richtig zuordnen. Vermutlich ist mein Polnisch einfach doch schlechter, als ich mir vormache. Die etwas schroffe Wortwahl war mir bei dem gemütlichen Gentleman vorhin schon aufgefallen, aber mit welch raffiniertem Bouquet der offensichtlich älteste Herr meine Ohren verwöhnt… Mit einer ins kleinste Detail ausgeklügelten Rhetorik verschießt er aus seinem Mund galant ein Strohfeuer totbringender Gänseblümchen, daß alle Kesselflicker und Kutscher dieser und gewiß auch aller übrigen Welten regelrecht starr vor Neid erblassen würden. Meine Gehörgänge werden morsch, mein Herz zerfließt. In einem Nebensatz erwähnte er was von 50 Jahren Dienst an der Waffe. Just in dem Moment erinnert er mich an meinen Vater, wie er sich vor mir aufbaut, als ich ca. vier Jahre alt war. Mein Vater ist alter Militär. Er bombardiert mich mit einer ebenso erlesensten, minutiös arrangierten Schimpfkanonade, bei der mich Spucketröpfchen treffen wie Mörsergeschosse. Vermutlich weil ich unserem Hund wieder die Ohren zusammengeklebt hab'. Jahre später meinte mein Vater mal, er habe das professionelle Fluchen bei der Armee gelernt. Der Alte muß also der Ausbilder meines Vaters gewesen sein! So schließt sich der Kreis.

    Im Verlauf des Gesprächs versuche ich mich den Begebenheiten anzupassen und streue hier und da ein „kurwa“ ein. Der geneigte Freund der polnischen Fluchkultur wird es sicherlich schon mal mitbekommen haben, für die gänzlich Unbeleckten hier ein kurzer Exkurs: Das Wort „kurwa“ in all seinen Variationen ist elementarer Baustein einer jeden gepflegten polnischen Konversation. Es muß mindestens einmal im Satz untergebracht werden. Routinierte Flucher veredeln ihren Satz, indem sie sogar hinter beinahe jedes Wort ein „kurwa“ einflechten. Will man ernstgenommen werden, ist homöopathische Dosierung kein probates Mittel. Viel hilft viel ist hier oberste Prämisse! Aber man muß es mit Gefühl rüberbringen. Vergleichbar ist das z. B. mit dem englischen “Fuck You, You fuckin' fuck!“ Damit ist eigentlich alles gesagt und man kann damit die gesamte Bandbreite an Emotionen transportieren; abhängig von der Situation. In dieser Hinsicht ist die deutsche Sprache bedauerlicherweise sehr limitiert.

    Nun aber blüht die Kommunikation. Das muß der Grund für die blöden Blicke gewesen sein. Mein Polnisch war zu Beginn schlichtweg zu rein. Doch jetzt bin ich integriert - danke Bushido! Als ich überlege, ob meine Oma jetzt wohl vor Stolz platzen oder mich eher übers Knie legen würde, höre ich: „Junge, is‘ Dir eigentlich nicht kalt?“ Noch bevor ich sagen kann, daß ich im Rucksack noch warmen Tee hab', halte ich einen Becher Klaren in der Hand. Schnitt. Ich merke nur noch wie mir meine Gesichtszüge entgleisen. Alter Reflex - ehe ich mir Gedanken ob meines Augenlichts machen kann, habe ich mir den Inhalt meines Glases meist schon einverleibt. Irgendwie muß ich mal wohl hier und da entscheidende Synapsen überbrückt haben... Aber ist wiedermal alles gut gegangen. Der ein oder andere wird noch gehoben. Gelöst unterhalten wir uns über Gott und die Welt; wie es kulturübergreifend halt so usus ist im Suff.

    So langsam wird es merklich dunkel. Der Alte muß seinen Hund noch füttern. Er sagte tatsächlich Hund. Lustiger alter Kauz. Als ich das Biest vorhin kurz im Garten hab stehen sehen, wußte ich gleich, woher die Jungs von Pakt der Wölfe ihr Ungetier aufgetrieben haben. Ich hoffe, er verfüttert nicht den Ausländer! Hätte ja auch Sinn gemacht, mich vorher abzufüllen. In alter Flaszek Besoffski Manier verabschieden wir uns alle herzlich.

    Kurz darauf seh‘ ich schon meine verlorengegangenen Angelkumpels durchs Dorf stapfen. Sehen erledigt aus, die Jungs. Mir aber geht‘s primstens. Kein Wunder, in meinem Turm ist auch schon 1200 durch.

    Noch bevor auch nur ein Wort gesprochen wird, krieg' ich `nen Arschtritt, daß meine uvula an meine Zähne schlägt. Simms baut echt robuste Stiefel. Das ist wohl die Revanche für die eine SMS… Durch die Medikation bin ich jedoch zu sediert, um mir ernstlich Gedanken darüber machen zu können, geschweige denn, daß ich jetzt Schmerzen empfinde könnte.

    In unserem Quartier angekommen, beginnen die anderen dort, wo ich aufgehört hatte. Es fließt reichlich Whisky und Bier. Die Stimmung erreicht schnell extraterrestrische Sphären. Aufgekratzt wie Schulmädchen vor `nem Tokio Hotel Konzert wühlen wir uns durch unsere Tackleboxen. Begrabbeln jede Combo ausgiebig und fachsimpeln bis tief in den nächsten Morgen.

    „Nanü… Was soll denn der Scheiß?!“ Irgendwie zieht es schlagartig im Rücken. Ich dreh' mich um und seh‘ durch den milchigen Schleier der Duschkabine etwas an mir vorbeihuschen. Meine Holde hat mich unsanft aus meinem Tagtraum gerissen. Ich soll zusehn‘, sie will sich auch fertigmachen. Heute noch! Kommt alles aber nur halb bei mir an. Ich grinse in mich hinein.

    Der Kaffee ist zu stark. Ich kippe einen guten Klecks Kaffeesahne nach und starre in den Becher, wie das Weiß mit dem dunklen Braun ringt. Sie drehen sich, als ob sie sich nur abtasten wollten. Dann verschlingen sie sich langsam ineinander. Weiß gewinnt die Oberhand.

    In der Ferne höre ich ein Tapsen. Über die Naturdielen versucht sich jemand ins Bad zu schleichen. Mit den blutleeren Augen eines stockbesoffenen Cockerspaniels schiele ich auf mein Handy. Kurz nach 0700. Hatte also eine gute Stunde Schlaf. Augenblicklich checke ich meine Vitalfunktionen. Angesichts der Menge, die seit gestern meine Leber umschmeichelt, geht es mir unerwartet gut. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich nehme einen vermeintlichen Beruhigungsschluck aus der angefangenen Dose, die neben mir steht. Das war‘s offenbar nicht. Ich horche in mich hinein und vernehme, wie sich Endorphin und Oxitocin zu einem riesigen Schneeball formen, der unaufhaltsam auf mich zurollt. Ich bin hellwach.

    Nur wenige Wimpernschläge später stehe ich wieder im Paradies. Der Rest der Mannschaft, der sich für heute erst angekündigt hat, arbeitet sich den Fluß hinunter auf uns zu, während wir zu viert flußaufwärts fischen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, völlig abwesend zu sein. Keine Ahnung, wo sich meine Gedanken rumgetrieben haben. Meine Schaltzentrale scheint unbesetzt. Helios kraftspendenden Grüße, die ab und an mal den Weg durch das kahle Geäst finden, erwidere ich mit einem erwärmten Lächeln. Das Leben ist manchmal einfach nur simpel. Nur schweißtreibende Kletterpartien über Stock und Stein holen mich unsanft zurück auf den harten Boden der echten Realität.



    Aber auch diese Hürden nehme ich mit kindlicher Naivität. Mein Glück kann mir nichts und niemand nehmen.

    Zum wiederholten Mal rüttelt es an der Rutenspitze. Als es auch tatsächlich bei mir ankommt, ist die Schnur wieder schlaff. Macht mir alles nichts mehr aus. Ich bin zenmäßig derart zentriert, daß mich selbst eine Taperdiskussion nicht aus der Ruhe bringen könnte. Tiefenentspannung in die letzte Haarspitze.

    Jemand brüllt. Kurz vor 1500. Um 1500 war ein Feuerchen mit alle Mann angesetzt. Daß eine solche Planung diese idyllische Angelei jäh zerreißt, ist mir eigentlich auch so gleich wie der sprichwörtliche Sack Reis in Panama. Auch wenn ich heute keinen Fisch gesehen hab', so freu' ich mich nun auf neue Gesichter, `nen netten Austausch, `ne heiße Wurst und `n kaltes Bier.

    Meinen Erwartungen sollten abermals übertroffen werden - absolut bomben Leute. Das Feuer wurde direkt an einem See entfacht, d. h. jedes Stück Gerödel konnte sogleich praxisnah auf Tauglichkeit hin überprüft werden. Die polnische Wurst und das Bier sind spitze, ebenso die Gesamtatmosphäre.
    Einige hatten extra zum Treffen handgefertigte Basteleien verteilt. Wurde stolzer Besitzer einiger neuer Federjigs und Snaps. Gaaanz starke Sache!





    Es wird dunkel. Ich bedanke mich fast überschwänglich - die Freude schießt mir aus jeder Pore. Man verabschiedet sich. Zu dritt fahren wir zurück zu unserer Unterkunft.

    Es ist 1125. Seit über drei Stunden sitze ich höchstmotiviert am Schreibtisch und wälze Papierchen von links nach rechts. Ab und an versuche ich mir was zu merken. Klappt so mittelmäßig. „Komm Jung, reiß Dich noch `ne halbe Stunde zusammen, dann kann‘se Pause machen. Nich‘, daß Du `se verdient hättest, aber… Nur so für‘s Gewissen!“, versuche ich mich anzutreiben. Also gut. Künstlich aufgeputscht rattere ich wie ein Duracelhäschen, daß ich bald das Gefühl hab', ich hätte Tolstois Krieg und Frieden auswendig gelernt. Top zufrieden mit mir selbst guck' ich auf die Uhr – 1130. Es ist zum rückwärts aus der Hose fahren!
    Niedergeschlagen blicke ich aus dem Fenster in den Hof. Wieder verschwimmen meine Gedanken…

    Ein wenig verstimmt, weil man wegen dem Lagerfeuer den halben Angeltag hat sausen lassen, sitzen wir zu viert am Tisch - lediglich die Mückenfuchtler hatten ein paar kleine Fische, wir Spinner blieben diesmal blank. Die etwas gedrückte Stimmung kann allerdings auch andere Ursachen haben: Für morgen ist Schneegestöber angesagt. Die Müdigkeit setzt ein und das Schlimmste: Wir sitzen auf dem Trockenen. Das Lebenselixier haben wir am Vorabend komplett durchgebracht. Heute bleibt das Tassenkarussell stumm.
    Während man im Minutentakt Tim Cook, den neuen Heiland, nach der Wetterlage abfragt, im unerschütterlichen Glauben, er wird uns für morgen den Frühling herbeiäpfeln, versuche ich mich im altmodischen aber erprobten Ausdemfenstergucken. Und wie ich so in die finstere Nacht hinausstarre, beschleicht mich das ungute Gefühl, die Wirkung des Zeugs, das ich mit den Dorfältesten zu mir genommen hab', entfaltet ihre volle Macht mit Verzögerung - ich seh‘ nix. Rein gar nix. Ich komme zunächst gar nicht erst auf die Idee, daß der Schneesturm bereits eingesetzt hat. Ich verkünde, daß wir uns nicht stressen müssen, morgen werden wir eh nicht ans Wasser kommen. Damit habe ich das bereits in Gang gekommene taktische Briefing erfolgreich gesprengt. Schnell wird klar, selbst der Heimweg ist ungewiß. Die Kurwas fliegen wie Stukas durch den Raum, dann beruhigen sich die Gemüter doch rasch und man kommt schnell zu dem Ergebnis, daß es insgesamt ein geiler Ausflug war, den wir uns jetzt hier nicht madigunken wollen und wir das in genau dieser Konstellation bald wiederholen müssen. Nun schmieden wir also Pläne für die nahe Zukunft. Die gute Laune kehrt zurück und ich beschließe, mir die fremden Combos und die handmade Wobbler nochmal im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten zu Gemüte zu führen.
    JDM ist in Polen kein allzu großes Thema. Wer was auf sich hält, baut seinen Kram selbst. Und ich muß gestehen, was Qualität und Praxistauglichkeit anbelangt, haben die Jungs 1 A Gerät. Die Ruten sind über jeden Zweifel erhaben und die Wobbler sind regelrechte Kunstwerke; zum Fischen fast zu schade.




    So sitze ich mitten in einem Berg von liebevoll bemaltem Balsa und kann mich einfach nicht entscheiden. Der Schöpfer meinte später, das Funkeln meiner Augen in diesem Moment habe ihn über sein klägliches Schneidern hinweg getröstet. Gerade die banalsten Dinge, die vielen Menschen verborgen bleiben, sind es meist, die die größte Satisfaktion auslösen können, stelle ich erneut fest und meißel es mir diesmal für die Ewigkeit in meine Hirnrinde!
    Neben dem einen Wobbler, den jeder Teilnehmer zum Treffen erhalten hat, versehen mit Nickname, Austragungsort und -jahr (bekommt seinen Ehrenplatz natürlich neben meinem Bett!), habe ich mir schließlich nach reichlicher Überlegung eine Handvoll ausgesucht und sehne schon das erste Wässern herbei.




    Auch gänzlich ohne berauschende Substanzen schaffen wir es wieder beinahe die gesamte Nacht außerhalb unserer Betten zu verbringen. Soweit ich mich entsinne, wurde diesmal jedoch deutlich intensiver über die eigentliche Materie gesprochen. Trotzdem blieb der Spaß nicht außen vor. Einen derartigen Muskelkater vom Lachen hatte ich schon sehr lange nicht mehr. Trotz ihrer Kürze, war diese Nacht aber extrem erholsam, sodaß am Vormittag alle in Ruhe und ohne Hast packen und sich fertig machen konnten. Genüßlich schlürfen wir den vorerst letzten gemeinsamen Kaffee, checken aus und beladen dann die Autos. Mr. Apfel steht wohl jämmerlich unter Frau Holles Fuchtel, die in der Nacht gute 30 cm weiße Pracht übers Land geschüttet hat; nix is' mit dem herbeibeschworenen frühlingshaften Sonnenschein. Unser Guide, der nur einen Katzenwurf entfernt wohnt, hatte aber schon Informationen bzgl. der Straßenverhältnisse eingeholt. Ist zwar alles weiß, man kommt aber wohl gut raus. Ich mache noch schnell ein paar Abschlußfotos, dann verabschieden wir uns. Fast schießt mir Pipi in die Augen. Wir beschließen übers Forum Kontakt zu halten und so unser gemeinsames Wirken in Bälde zu koordinieren.

    Der Weg zurück nach Stettin war auf Grund der Witterung weder das Rosarote vom Ei, geschweige denn ein Kinderschlecken. Ein Glück, ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Vorstellung davon, wie mein weiterer Heimweg im Blindflug verlaufen wird…

    Kurz vor dem Zielort bin ich von der Fahrt auf Eisschollen durch trübe Suppe mit den Nerven so fertig (arteria carotis kam zu mehreren beeindruckenden Gastauftritten), daß ich kurzerhand beschließe, die Weiterfahrt für eine spontane Kurzerholung zu unterbrechen und mein neuerworbenes handmade Koppenimitat zumindest vor den Füßen mal auf den Lauf hin zu testen. Unweit eines Wehrs ist das Wasser noch recht turbulent und daher eisfrei. Ich habe keine Ahnung, wie tief der Wobbler läuft und so halte ich das erste Rattern in der Rute für Grundkontakt. Beim zweiten Wurf selbes Spiel. Top, Hänger. Schweißausbruch. “FUUUCK…!“, poltert es aus mir. „Jetzt verheizt Du den Kollegen schon beim ersten Rendezvous. Oh, doch los. Nee… Was zum…?! Hülch…“ Wenige Sekunden später windet sich ein kleiner Döbel vor meinen Füßen. „Bislang mein bester Köder“, denke ich erquickt bei mir. Extrem lebendiger Lauf, mit sehr ausgeprägtem Wobbeln. Das Finish ist ohnehin der Hammer und werfen läßt er sich auch ganz anständig. Fischig ist er obendrein. Ich bin hin und weg. Obwohl ich mir meiner cholerischen Tendenzen durchaus bewußt bin, scheint mir jetzt völlig unbegreiflich, wie ich mich am Vortag über den Verlust EINES ordinären Rapalas in zwei intensiven Angeltagen nur so aufregen konnte. Aber um Fortuna jetzt nicht über Gebühr herauszufordern und einen möglichen Herzkasper zu umgehen, belasse ich‘s bei dieser kurzen Episode und mache mich dann doch entschlossen auf den letzten Abschnitt meiner Heimreise.

    Im Hof wird es laut. Die Nachbarinnen halten ihren alltäglichen Plausch. Wie immer fensterübergreifend über 30 m. Grenzdebil lächelnd äuge ich auf mein Handy. Ich öffne Whatsapp und tippe: „Auto beladen. Freitag bin ich da! ;o) “